„Was ist für Sie heute das Wertvollste im Leben?“, frage ich die ruhige und bedachte Frau, die mir gegenübersitzt. Wir führen gerade ein seelsorgerisches Einzelgespräch. Vor wenigen Monaten hat sie einen schweren gesundheitlichen Schicksalsschlag erlebt und verdankt ihr Leben der schnellen und professionellen Entscheidung ihrer behandelnden Ärzte. Ohne lange nachzudenken, antwortet sie “,Dass ich atme.“
Dass ich atme!
Ja, wer von uns nimmt die wahren Schätze des Lebens, die wir jeden Tag mit uns tragen und jeden Moment aufs Neue geschenkt bekommen, wirklich bewusst wahr? Der Atem fließt in unseren Körper hinein und wieder aus ihm heraus und hält ihn lebendig. Halten Sie doch einmal einen Moment inne, während Sie diese Zeilen lesen. Ich lade Sie ein – jetzt: Spüren Sie mal in dieses Wunder in Ihnen hinein. Nehmen Sie Ihre ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge wahr. Mit jedem Einatmen hebt sich Ihr Brustkorb leicht. Mit jedem Ausatmen senkt er sich wieder. Spüren Sie es? Was nehmen Sie vielleicht noch wahr? Wenn Sie möchten, können Sie die Augen für einen Moment schließen.
Ihr Atem geschieht – ganz von selbst.
Ihr Herz schlägt – ganz von selbst.
Ich empfinde das als ein Wunder.
Und Sie?
Um dieses Geschenk des Lebens nicht als Selbstverständlichkeit zu betrachten, sondern immer wieder bewusst wahrzunehmen, wurden in der östlichen Tradition u.a. Atemübungen entwickelt. In der Yoga-Tradition werden sie als Pranayama (Sanskrit: प्राणायाम, prāṇāyāma) bezeichnet. Wörtlich übersetzt bedeutet dies die Lenkung oder Erweiterung der Lebensenergie durch den Atem. Eine besonders bekannte und wirkungsvolle Atemtechnik ist die yogische Wechselatmung, auch Anuloma Viloma genannt.

Bei dieser traditionellen Atemübung wird abwechselnd durch das linke und rechte Nasenloch geatmet. In der Yogalehre soll dadurch der Energiefluss (Prana) harmonisiert und ein inneres Gleichgewicht gefördert werden. Viele Menschen erleben die Wechselatmung als beruhigend und ausgleichend. Sie kann helfen, zur Ruhe zu kommen, die Konzentration zu fördern und die Verbindung zum eigenen Körper zu stärken. Darüber hinaus wird ihr eine positive Wirkung auf die Atemkapazität und die Regulation des Nervensystems zugeschrieben.
Als fester Bestandteil von Yoga und Ayurveda wird Anuloma Viloma seit Jahrtausenden praktiziert und geschätzt, um Körper und Geist in Einklang zu bringen und das allgemeine Wohlbefinden zu fördern. Die Wurzeln yogischer Atemtechniken reichen weit in die Geschichte Indiens zurück. Erste Hinweise finden sich bereits in den Upanishaden, deren Entstehung mehr als 2.000 – 3.000 Jahre zurückliegt. Ausführlich beschrieben wurden viele Atempraktiken später in klassischen Yogaschriften wie der Hatha Yoga Pradipika aus dem 15. Jahrhundert.
Diese Atemübung praktizieren wir u.a. auch in unseren kostenlosen, in der Regel wöchentlichen Meditationen – ein Angebot als Geschenk des Kurhauses für alle unsere Gäste und auch Einheimische.
Sie sind herzlich eingeladen. Die nächste Meditation findet am 14. Juli 2026 um 17:30 Uhr im Yogaraum statt.
Kommen Sie gerne dazu!
Monja W.
Seelsorgerin & Kursleiterin für Meditationen und Atemtechniken